Dr. Helmut Martens

"Wissenschaft ist eine wunderbare Angelegenheit, solange man nicht von ihr leben muss" (Albert Einstein)

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Seit der Einrichtung meiner Homepage Ende 2010, also ziemlich genau seit dem Ende meiner Erwerbsbiographie als empirischer Arbeitsforscher, gibt es darauf die Seite literarische Texte. Wenn ich die nun nach zehn Jahren in literarische und literaturwissenschaftliche Texte umbenenne, dann hat das entscheidend damit zu tun, dass sich im Laufe der Jahre eine gewisse Verschiebung meiner nachberuflichen Arbeitsschwerpunkte ergeben hat

Ich habe 38 Jahre lang als Sozialwissenschaftler gearbeitet, und als empirischer Sozialforscher habe ich dies immer im Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge, auf die politische Gestaltung und Gestaltbarkeit unserer Wirklichkeit getan. In den Zeiten eines "neoliberalen Einheitsdenkens" und einer "TINAPolitik" (there is no alternative) war wissenschaftliche Arbeit in dieser Perspektive oft ernüchternd und frustrierend. Bisweilen sah man sich als empirischer Arbeitsforscher - der ja immer nur für begrenzte, wohl definierte Gegenstandsbereiche und Bedingungen gültige Aussagen zu treffen beanspruchen kann - veranlasst, noch intensiver zu reflektieren: über "das große Ganze", aber auch über das "ganz Persönliche". Die Prosatexte und Gedichte auf dieser Seite sind auch in diesem Sinne Versuche, mit literarischen Mitteln zu Selbstverständigungen beizutragen, derer wir heute dringender bedürfen als seit langer Zeit.

Der sozialwissenschaftliche Beobachter hat immer mit Menschen zu tun, aber er muss doch aus sein auf "Überindividuelles", auf übergreifende Prozesse, Systemzusammenhänge, Strukturierungen, Objektivierungen. Dies sind die Maßstäbe der Zunft. Und Manche, die solche Maßstäbe definintionsmächtig setzen, klammern den konkreten Menschen schließlich völlig aus ihren Theoriegebäuden aus. Der Mensch wird zur "Restgröße" systemisch verselbständigter Prozesse, die sich ihrer "AutoLogik" folgend fortschreitend weiter entfalten, von ihnen geformt, in sie eingepasst, ihnen unterworfen. Aber das Individuum ist auch das zugrundeliegende. Einzeln wie auch im Zusammenhandeln mit Anderen bringt es die mit der Menge der Vielen geteilte Lebenswelt hervor - und kann sie so auch bewusst verändern helfen. Wer nicht nur professionell forschen will, sondern seine Ergebnisse auch professionell "an den Mann oder die Frau bringen" möchte, kann sich den systemtheoretischen Blick als letztlich bestimmende Orientierung nicht leisten. Das Funktionieren im gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft ist ihm zu wenig. Er sucht die Rückbindung an die außerwissenschaftliche Praxis als die Praxis konkret handelnder Menschen. Also muss er immer auch Arbeitsbündnisse mit konkreten Personen eingehen können. In ihnen handelt er auch selbst neben seiner wissenschaftlichen Arbeit in Feldern außerwissenschaftlicher Praxis.

Dieses Handeln, und die Erfahrungen die man dabei macht, mit Anderen und mit sich selbst, reflektiert man gewöhnlich vor allem im Blick auf den Erfolg: Bei der Lösung eines Problems, dem Transfer von Wissen usw. Und dieser Erfolg stellt sich bei weitem nicht immer ein. Das drängt bisweilen dazu, die Perspektive wirklich umzukehren und die Analyseinstrumente auszutauschen. Ich jedenfalls fühle mich immer wieder dazu herausgefordert, die Menschen, die mir nahestehen, denen ich begegne und die vom ausufernden Arbeitsalltag allzu leicht an den Rand gedrückt werden, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Vor allem aber gilt das auch für das eigene, höchst subjektive Erleben. Literarische Formen scheinen mir geeignet, dieses Besondere, sonst kaum bedachte, auszudrücken - und in diesen Formen mag es auch gelingen, ausgehend von solcher Subjektivität das Allgemeine des Selbstseins und Selbstwerdens von uns Menschen sichtbar zu machen.

Kurzprosa, Gedichten und literaturwissenschafliche Essays auf dieser Seite

Ich bin sicherlich - auch mittlerweile zehn Jahre nach dem Ende meiner Erwerbstätigeit bestätigen das meine Veröffentlichungen - immer noch sehr viel eher Wissenschaftler und (arbeits)politisch engagierter Intellektueller als Schriftsteller. Aber vor allem lyrische Textproduktion hat meine Wissenschaftliche Arbeit immer wieder begleitet. Sie war Gelegenheit zu einem "verdichteten" Nachdenken über sie. Zugleich war sie aber auch mein Weg, angesichts fortschreitender, ernüchternder Einsichten in die multiplen Krisenentwicklungen meiner Zeit, immer wieder neue Kraft zu schöpfen - sagen wir im Sinne des folgenden Zitats Albert Camus aus seinem Essay Das Rätsel:

Wohlverstanden, ein gewisser Optimismus ist nicht meine Sache. Ich bin wie die Männer meines Alters unter den Trommelwirbeln des ersten Weltkrieges aufgewachsen, und unsere Geschichte war seither nichts als Mord, Ungerechtigkeit und Gewalt. Doch der wahre Pessimismus, dem man begegnet, bejaht und überbietet so viele Grausamkeiten und Niederträchtigkeiten . (…) Dagegen gelte es, so schreibt er weiter, das Leben zu bejahen bis in seine Leiden hinein. Äschylos ist oft trostlos; und doch strahlt er aus und erwärmt. Im Zentrum seines Universums steht nicht karge Sinnlosigkeit, sondern das Rätsel, das heißt ein Sinn, der schwer zu verstehen ist, weil er blendet. Und ebenso kann für die unwürdigen, doch beharrlich treuen Söhne Griechenlands, die in diesem zerfleischten Jahrhundert noch überleben, der Brand unserer Geschichte unerträglich sein; doch sie halten schließlich durch, weil sie verstehen wollen.

Ich habe schon vor einigen Jahren auf dieser Seite eine Rubrik eingerichtet, auf der ich sieben kurze Prosatexte eingestellt und ihnen jeweils thematisch eine Reihe von Gedichten zugeordnet habe. Fast alle diese Texte und Gedichte sind in den Jahren 2004 und 2005 entstanden, als ich meinen letzten großen Neuanlauf als empirischer Arbeitsforscher unternommen habe - nicht erfolglos, wie ich heute meinen würde, aber doch einmal mehr erfolgreich scheiternd. Im Selbstverlag habe ich sie 2005 in kleiner Auflage als Printversion veröffentlicht. Unter der nun literarische Texte betitelten Rubrik sind sie als einzelne Blöcke eingestellt, die ich in den Folgejahren im einen oder anderen Fall um einzelne Gedichte erweitert habe. Das Spektrum ist breit. Es reicht von "aufsteigenden Erinnerungen" aus Kinderjahren über die Aufbruchsjahre nach der "bleiernen Zeit" bis zu den Irrwegen in die "Wissensgesellschaft" und zum Nachdenken über "literarische Begegnungen" oder zu "philosophischen Reflexionen".

Anfangs stand auf dieser Seite auch ein Essay über Lyrik. Er ist später auf die Seite wissenschaftliche Texte gewandert, als ich dort eine Rubrik Essays eingerichtet habe. Auf der habe ich in den ersten Jahren dann zwischen Essays mit überwiegend sozialwissenschaftlichen Themen auch den einen oder anderen literaturwissenschaftlichen Essay eingestellt. Von den letzten sieben Essays, die ich dort zuletzt eingestellt habe, zielen nun aber vier auf literaturwissenschaftliche Gegenstände, ebenso wie zwei der drei, die ich Ende 2020 hinzugefügt habe. Ich habe mich deshalb entschlossen meine Seite literarische Texte in eine unter dem Titel literarische und literaturwissenschaftliche Texte umzubenennen und meine literaturwissenschaftlichen Essays nunmehr auf dieser Seite unter der Rubrik literaturwissenschaftliche Essays gebündelt zusammenzufassen. Ich möchte sie so den Besuchern dieser Seite gezielter zugänglich machen.




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